Er ist unsichtbar, schwer oder gar nicht speicherbar und extrem notwendig. Ohne ihn funktioniert gar nichts. Die Rede ist vom Strom. Denn auf diesem basiert die gesamte moderne Gesellschaft. Damit alle Bereiche, Menschen und Unternehmen jederzeit mit dem wichtigen Gut versorgt sind, braucht es eine Instanz, die die Stromversorgung regelt. Und damit kommt der Strommarkt ins Spiel.

Welche Funktionen und Aufgaben der Strommarkt hat, wie genau seine Abläufe und Prozesse funktionieren und welche Rolle Strombörse und -handel spielen, erfahren Sie in diesem Beitrag.

Versorgungssicherheit und Gleichgewicht – diese Aufgaben hat der Strommarkt

Stecker rein und ab geht die Post bzw. der Strom. So fühlt es sich wohl für die meisten Endverbraucher an. Denn ganz unabhängig davon, in welchem Moment und für welche Anforderung sie gerade Strom benötigen, kommt dieser immer ganz verlässlich aus der Steckdose. Das beginnt beim Ladekabel für das Smartphone und geht über Kühlschrank, Licht und Waschmaschine bis hin zum Elektroauto. Eine Selbstverständlichkeit ist das hierzulande nur, weil jemand die ganz konkrete Aufgabe hat, genau diese sichere Stromversorgung zu garantieren. Und dieser „jemand“ ist der Strommarkt.

Wie bei sämtlichen Wirtschaftsgütern gilt auch für den Strom das Prinzip von Angebot und Nachfrage. Das bedeutet: je mehr Strom gebraucht wird, umso mehr muss auch verfügbar sein bzw. umgekehrt. Die Basis dafür ist eine genaue Abstimmung zwischen Erzeugung und Verbrauch. Denn nur so ist garantiert, dass auch in Zeiten hoher Nachfrage genügend Strom vorhanden und die ununterbrochene Stromversorgung für Wirtschaft und Gesellschaft gewährleistet sind. Und genau diese Aufgabe hat der Strommarkt. Doch wie funktioniert das ganze System eigentlich?

Komplexes Konstrukt: So funktioniert der Strommarkt

Ganz allgemein betrachtet, ist der Strommarkt eine Art virtueller Marktplatz, auf dem elektrische Energie in Form von Strom gehandelt wird. Sämtliche Energiemengen, die zum Beispiel in Kraftwerken, On- und Off-Shore-Anlangen oder aber in Biogasanlagen produziert werden, sind auf dem Strommarkt erfasst. Von hier aus werden sie bereits vor Verbrauch an Unternehmen weiterverkauft, die die Energie dann entweder selbst verbrauchen oder sie an Kunden weiterleiten. Am Handel mit dem Strom sind dabei unterschiedlichste Marktrollen, wie beispielsweise Stromversorger, Stromnetzbetreiber oder Stromlieferanten bzw. Stromanbieter, beteiligt.

All diese Marktrollen vereinen zwei Dinge: das Handelsgut Strom und die schwierigen Anforderungen, die eben dieses Produkt mit sich bringt. Die große Herausforderung der „Marktware“ Strom ist nämlich seine Eigenheit, dass er nur schwer speicherbar ist. Damit stellen sich zwei alles entscheidende Frage:

  1. Wie lässt sich ein Produkt jederzeit verfügbar machen, wenn es sich gleichzeitig nicht speichern lässt?
  2. Und wie ist es realisierbar, dieses nahezu unmöglich speicherbare Gut doch so weit zu speichern, dass es sich leistungsgebunden mal mehr, mal weniger viel vertreiben lässt?

Um diese beiden Fragen zu beantworten, ist es zunächst wichtig, zu wissen, welche Prozesse ablaufen, bevor der Strom überhaupt bedarfsgerecht aus der Steckdose kommt.

Ein Strommarkt, viele Akteure

Um den Strommarkt und seine Funktionen genau zu verstehen, ist es wichtig, zu wissen, welche Akteure sich hier bewegen und welche Zusammenschlüsse sich daraus ergeben. Seit der Liberalisierung des Strommarkts Ende der 1990er Jahre gelten für diesen die ganz normalen Wettbewerbsbedingungen, die auch für jeden anderen Markt gelten. Damit haben sich drei Möglichkeiten ergeben, das Angebot und die Nachfrage für Strom zu regeln und mit diesem zu handeln:

1. Stromhandel an der Börse

Ein liberaler Strommarkt bringt die Möglichkeit mit sich, das Produkt Strom an der Börse zu handeln. Dieser Handel erfolgt an der „European Energy Exchange“ (EEX) in Leipzig. Neben Strom lassen sich hier auch CO2-Zertifikate, Kohle und Gas erwerben. An der Strombörse gibt es drei Wege, zu handeln:
• den Intraday-Markt (spontaner Handel mit Strommengen für den laufenden Tag in Zeitspannen von Viertelstunden bis Stundenblöcken)
• den Day-Ahead-Markt (Handel mit Stromlieferungen für den kommenden Tag)
• und den Terminmarkt (Handel für Lieferungen mit einem längeren Vorlauf von bis zu sechs Jahren)

2. Stromhandel auf dem Regelleistungsmarkt

Der Regelleistungsmarkt ist im Grunde nichts anderes als eine Internetplattform. 50Hertz, Amprion, TenneT und TransnetBW sind dabei die vier deutschen Übertragungsnetzbetreiber auf dem Strommarkt, die die Verantwortung für den Regelleistungsmarkt tragen. Ihre Aufgaben liegen darin, Netzspannung und Frequenz aufrechtzuerhalten, Netzüberlastungen zu vermeiden, die Netzstabilität im Betrieb zu erhalten und so die Versorgungssicherheit zu garantieren. Stromnetzbetreiber haben die Möglichkeit, am Regelleistungsmarkt Energie je nach Bedarf zuzukaufen. Das läuft so ab, dass sie die benötigten Strommengen ausschreiben und die Stromproduzenten dafür Angebote abgeben. Je nach Preisgeboten vergeben die Stromnetzbetreiber dann die Zuschläge.

3. Stromhandel durch Lieferverträge

Eine weitere Möglichkeit, um Strom am Strommarkt zu handeln, ist die direkte vertragliche Vereinbarung über Einkauf und Lieferung von Strom: der „Over-the-counter“-Handel, kurz OTC. Dahinter steckt das Prinzip, was im Grunde jeder Ottonormalverbraucher kennt. Ein Kunde schließt einen Vertrag mit einem Stromanbieter ab und bekommt von diesem genau die Mengen an Strom geliefert, die er benötigt. Diese Handelsform läuft immer außerhalb von Börse und Regelleistungsmarkt ab.

Geben und nehmen – die Besonderheit des Stromnetzes verstehen

Damit die Versorgungssicherheit wirklich jederzeit gegeben ist, ist eine Sache ganz entscheidend: Es muss immer genau so viel Strom entnommen werden, wie eingespeist wird. Ansonsten ist ein reibungsloser Stromtransport kaum möglich. Netzschwankungen und Abweichungen sind immer schlecht, also muss eine stetige Balance herrschen. Das bedingt natürlich auch, dass der Strommarkt ständig in Bewegung ist. Preisanpassungen, flexibler Ausgleich von Angebot und Nachfrage sowie notwendige Regelreserven für mögliche Abweichungen gehören deswegen fest zu den einzukalkulierenden Faktoren.

Neue Dynamiken für den Strommarkt kommen dabei auch durch die erneuerbaren Energien. Denn sie sind oft wetter- und witterungsabhängig, was Schwankungen im Netz ungünstig beeinflussen kann. Das macht die Stromproduktion schwerer planbar und treibt den Ruf nach Alternativen, wie beispielsweise Energie aus Biogas, an. Zudem plant die Regierung aktuell ein neues Strommarktdesign, dass es möglich macht, wesentlich flexibler auf jedwede Volatilitäten des Strommarktes reagieren zu können.