Ein klimaneutrales Deutschland bis 2050? Auf den ersten Blick scheint dieses Ziel der Bundesregierung sehr ehrgeizig zu sein. Doch der zweite Blick lohnt sich. Denn es ist tatsächlich möglich, dass Deutschland innerhalb der nächsten 30 Jahre eine (nahezu) vollständige Einsparung aller Treibhausgasemissionen erreichen könnte. Zumindest sagen das gemeinsame Studien der Denkfabriken Agora Energiewende und Agora Verkehrswende sowie der Stiftung Klimaneutralität. Doch dafür sind einige Änderungen nötig, die etliche Branchen, wie zum Beispiel den Verkehrssektor, die Energiebranche, die Landwirtschaft oder die Industrie, betreffen.

Welche Faktoren genau gemeint sind und mit welchen Maßnahmen sich die Klimaneutralität bis 2050 erreichen lässt, erfahren Sie in diesem Beitrag.

In drei Schritten zur Klimaneutralität

Um in Deutschland innerhalb der kommenden drei Dekaden Klimaneutralität zu erreichen, sind viel Disziplin, offenes Denken und eine Menge Veränderungen notwendig. Es braucht strikte Zeitpläne, klare Vorgaben und ein gute Portion Gemeinsinn. Denn nur, wenn alle am Projekt „Klimaneutralität“ Beteiligten an einem Strang ziehen, lässt sich dieses auch erfolgreich umsetzen.

Doch was bedeutet eigentlich Klimaneutralität? Ganz allgemein gesagt, ist damit eine vollständige bzw. fast vollständige Vermeidung von Treibhausgasemissionen in allen Bereichen gemeint. Das setzt beispielsweise eine komplette energetische Sanierung sämtlicher Gebäude im Land voraus. Oder aber eine vollständige Elektrifizierung des Verkehrssektors, den Ausbau erneuerbarer Energiekonzepte sowie den Aufbau einer Wasserstoffinfrastruktur.

Die umfangreiche Studie zum Thema, von Agora Energiewende, Agora Verkehrswende und der Stiftung Klimaneutralität, schlägt das Erreichen der Klimaneutralität in drei Schritten vor:

  1. Die Emissionen bis 2030 im Vergleich zu 1990 um 65 % senken.
  2. Ein vollständiger Umstieg auf klimaneutrale Technologien, um die Emissionen auf 50 % sinken zu lassen.
  3. Nicht vermeidbare Restemissionen durch CO2-Abscheidung und -Lagerung ausgleichen.

Zusammengenommen seien diese drei Schritte der optimale Weg, um bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen, so die Studie. Doch damit das funktioniert, müssen einige entscheidende Voraussetzungen erfüllt sein.

Die Herausforderungen für die Landwirtschaft

Fest steht, dass der Landwirtschaftssektor mit einem CO2-Äquivalent von rund 69,8 Mio. Tonnen aufwartet (Stand 2018). Als vereinheitlichte Maßeinheit gibt das CO2-Äquivalent dabei an, wie viel die Masse der landwirtschaftlichen Emissionen im Vergleich mit der gleichen Masse CO2 zur globalen Erwärmung beiträgt. Mit diesem Wissen lassen sich die für die Klimaneutralität erforderlichen Maßnahmen genau definieren.

Genaue Untersuchungen haben in diesem Zusammenhang gezeigt: Rund die Hälfte aller landwirtschaftlichen Emissionen in Deutschland werden von Nutztieren wie Rindern erzeugt. Die Lagerung des anfallenden Wirtschaftsdüngers zählt dazu. Etwa ein Drittel der Emissionen bildet sich durch den Stickstoffeintrag in die Böden, was für den Anbau von Tierfutter, Lebensmitteln und Energiepflanzen notwendig ist. Sämtliche restliche Emissionen entfallen auf die Vergärung von Energiepflanzen, sonstige Düngeanwendungen sowie den Einsatz von Energie. Für den Landwirtschaftssektor ergeben sich damit gleich mehrere „Baustellen“, um die wir auf dem Weg zur Klimaneutralität nicht herum kommen.

Klimaneutralität in der Landwirtschaft – wie sieht das aus?

All diese Emissionsherde stellen landwirtschaftliche Betriebe natürlich vor so manche Herausforderung, wenn es darum geht, bis 2050 Klimaneutralität zu erreichen. So steht bereits jetzt fest, dass es in der Landwirtschaft auch in 30 Jahren definitiv noch Restemissionen geben wird. Diese sogenannten residualen Emissionen sollen jedoch durch eine gezielte CO2-Entnahme aus der Atmosphäre sowie durch deren Speicherung als negative Emissionen ausgeglichen werden. Das wiederum würde ein Erreichen von Klimaneutralität ermöglichen.

Diese Änderungen gilt es umzusetzen

Ganz konkret gesagt, haben landwirtschaftliche Betrieben also in sämtlichen Bereichen ihre klar definierten Aufgaben:

  • Methanemissionen aus Gülle reduzieren, z.B. durch Vergärung in Biogasanlagen
  • auf regionale Energie- und Wärmeversorgung setzen
  • stärker auf Reststoff-und Abfallverwertung statt auf Energiepflanzen setzen
  • Tierbestände reduzieren
  • weniger Düngemittel und Stickstoff einsetzen

Diese Dinge müssen sich im Verkehrssektor ändern

Autos, Lkw und Flugzeuge, also kurz gesagt der Verkehrssektor, gelten als die CO2-Produzenten schlechthin. Seit vielen Jahren arbeiten Forschung und Entwicklung auf Hochtouren daran, Lösungen für eine klimafreundlichere Mobilität zu entwickeln. Doch auch in anderen, nicht weniger wichtigen Sektoren geht es darum, die CO2-Emissionen zu reduzieren und Klimaneutralität zu erreichen. So zum Beispiel im Güterverkehr.

Allein Lkw und Binnenschifffahrt transportieren etliche Millionen Tonnen an Gütern pro Jahr durch ganz Deutschland und die Welt. Sie produzieren mit zusammen rund 57 Millionen Tonnen (Stand 2018) etwa 35 % des gesamten CO2-Ausstoßes im deutschen Verkehrssektor. Das ist zwar nur knapp die Hälfte dessen, was der Individualverkehr mittels PKW produziert, dennoch lässt sich diese Ausstoßmenge weiter reduzieren. Neben Elektromobilität heißt eine weitere vielversprechende Lösung Bio-LNG. Dieses kann als emissionsarmer und klimafreundlicher Kraftstoff dazu beitragen, die Emissionen im Güterverkehr zu minimieren und Klimaneutralität zu erreichen.

So steht es um die Klimaneutralität in der Energiewirtschaft

Geht es um Klimaneutralität, so zeigt sich die Energiewirtschaft als einer der Big Player. Denn auf die nächsten Jahrzehnte gesehen, liegt hier das größte Potenzial, CO2-Emissionen nachhaltig zu reduzieren und mit großen Schritten auf die Klimaneutralität zuzugehen. Eine entscheidende Rolle spielen hierbei erneuerbare Energiekonzepte, wie Photovoltaik, Wind- und Wasserkraft. Bereits heute erzeugt Deutschland sehr viel Strom aus erneuerbaren Energien. Wind-, Sonnen- und Wasserkraft sowie Biomasse lieferten 2018 schon knapp über 40 % des benötigten Stroms. Aktuellen Berechnungen zufolge könnte dieser Anteil in 2020 auf über 50 % steigen.

Das zeigt deutlich, dass die Mittel zu mehr Klimaneutralität vorhanden sind. Es gilt nur, diese auch zu nutzen. Der beschlossene Kohleausstieg kann noch weiter beschleunigt werden. Als Übergang wird die benötigte Leistung durch Gas gesichert, welches bis 2050 vollständig regenerativ erzeugt wird – beispielsweise Wasserstoff und Synthese Gase. Die entstehende Residuallasten durch die volatilen erneuerbaren Energien können somit mit regelbaren KWK-Anlagen effizient gesichert werden.

Diese Rolle spielen Industrie und Gebäude

Auch im Zusammenhang mit der Industrie sowie Gebäuden schließt sich der Kreis zur Klimaneutralität durch die erneuerbaren Energien. Denn beide genannten Sektoren setzen zunehmend auf erneuerbare Energien bei der Versorgung von Strom und Wärme – zu Recht, müssen doch z.B. in der Stahlindustrie rund die Hälfte aller Hochöfen in Deutschland bis 2030 aus Altersgründen ersetzt werden, so die Studie der Agora Energiewenden. Eine Alternativ sind hier Anlagen, deren Betrieb auf Wasserstoff anstatt auf Kokskohle basiert.

Das könnte CO2-Ausstoß der Industrie signifikant senken. Zudem wird Wasserstoff auch zunehmend Erdgas als Rohstoff in der Industrie ersetzen. Im Bereich der Gebäudewärme ist es die Technologie der Wärmepumpe, welche als Mittel zum Zweck dient. Die Wärmepumpe verbraucht mindestens fünfmal weniger Strom als nötig ist, um die gleiche Wärmeenergie aus elektrisch hergestelltem synthetischem Erdgas zu gewinnen.

Mit einfachen Maßnahmen zum Ziel

Klar ist, dass Klimaneutralität nicht über Nacht kommt. Vielmehr braucht es das Zusammenspiel vieler unterschiedlicher Maßnahmen, die über etliche Jahre konsequent umgesetzt werden müssen. Die Studie „Klimaneutrales Deutschland“ zeigt dabei einen Weg auf, wie durch Umsetzung mehrerer Maßnahmen in verschiedenen Sektoren dieses große Ziel der Nullemissionen bis 2050 erreicht werden könnte.